Wer täglich dieselben Stufen läuft, merkt zunächst nur Farbe. Mit der Zeit entstehen vertraute Markierungen: ein Vogel, eine Maske, ein Satz, der Trost spendet. So wächst eine Bühne der Erinnerung, auf der persönliche Erlebnisse und kollektive Spuren ineinandergreifen. Die Wiederholung formt Bindung, kleine Details werden Wegweiser, und selbst Fremde fühlen sich kurz eingeladen, am unsichtbaren Dialog der Nachbarschaft teilzunehmen.
Treppenmalereien werden im Gehen gelesen: Schritt, Atem, Bild, Atem. Das wechselnde Tempo bestimmt, wie sich Figuren, Farben und Symbole zusammensetzen. Von unten wirkt ein Gesamtmotiv, von oben offenbaren sich verborgene Akzente. Dieser körperliche Rhythmus verknüpft Lesen mit Spüren, sodass Geschichten unmittelbar leiblich erfahrbar werden. Man erinnert sich an Gerüche, Stimmen, Strassenlärm, und plötzlich trägt die Erzählung den Pulsschlag der Stadt.
Regen, Staub, Sohlenabrieb und Sonne arbeiten als heimliche Mitgestaltende. Linien verblassen, neue Schichten ergänzen alte, Risse öffnen Mini-Archive der Zeit. Diese Patina lässt Motive altern, ohne sie zu schwächen: Sie fügt Nuancen, Schatten und Glaubwürdigkeit hinzu. Eine frisch polierte Botschaft kann beeindrucken, doch eine leicht verwitterte Inschrift erzählt vom Durchhalten, von gelebter Nähe und vom Recht, Spuren offen sichtbar zu bewahren.
Rot als Warnsignal, Rot als Feier, Rot als Erinnerung an Mohnfelder der Kindheit. Blau als Wasserlauf, Himmelsfenster, Sehnsuchtslinie. Gelb als Ernte, Festtag, vorsichtige Freude. Farbpaletten tragen Geschichten über Grenzen hinweg, verbinden Menschen, die denselben Ton unterschiedlich nennen und dennoch Ähnliches fühlen. Auf Stufen entfalten sich Paletten wie Gesangbücher: wiederkehrende Refrains, überraschende Harmonien, Brüche, die gerade dadurch Gesprächsbereitschaft und wechselseitige Neugier erwecken.
Ein Kolibri als Bote von Ausdauer, eine Schlange als Hüterin der Übergänge, Masken als Spiegel der wechselnden Rollen im städtischen Miteinander. Ahnenfiguren tauchen auf, nicht um zu beschwören, sondern um zu erinnern: Wir gehen nicht allein. Diese Bilder schaffen Brücken zwischen älteren Erzählweisen und neuen, improvisierten Deutungen. So wird jede Begegnung zum Anlass, bekannte Zeichen anders zu lesen und die eigene Verantwortung mitzudenken.
Wellen auf Stufen erzählen von Flussläufen, Fährten und Umwegen, die Städte prägen. Brückenmotive verweisen auf Begegnungen, die ohne Übergang nicht möglich wären. Im Zusammenspiel zeigen sie, wie Bewegung Zugehörigkeit erzeugt. Wer steigt, überquert unsichtbare Grenzen, wer verweilt, erkennt Zwischenräume als Treffpunkte. So markiert die Treppe nicht nur ein Gefälle, sondern eine Möglichkeit, Distanzen behutsam zu verkürzen, ohne Unterschiede zu glätten oder Erfahrungen zu überstimmen.
Die von Jorge Selarón gestalteten Stufen verbinden Lapa und Santa Teresa und tragen Tausende Kacheln aus der ganzen Welt. Zwischen kräftigem Rot und vielfältigen Motiven tauchen Porträts, Muster und Anspielungen auf Zugehörigkeit und Wandel auf. Das Projekt wuchs über Jahre, durch Geschenke und Tausch. So erzählt jede Fliese von Begegnungen, die aus einer lokalen Passage einen offenen Atlas gemacht haben, der täglich neu betreten, gelesen und erweitert wird.
Ein kollektives Mosaik führt vom Meer in den Himmel, Tier- und Pflanzenformen leuchten zwischen Keramiksplittern. Entstanden durch Spenden, Workshops und viele Hände, zeigt diese Treppe, wie Nachbarschaften sich durch gemeinsame Arbeit erkennen. Besucherinnen und Besucher lesen nicht nur Bilder, sondern verstehen, dass die Pflege des Ortes Teil der Aussage ist: Schönheit wächst, wenn Beteiligung und Respekt die einzelnen Scherben zu einem tragfähigen Ganzen fügen.
Workshops auf dem Treppenabsatz machen Zufällige zu Mitgestaltenden: Skizzen auf Karton, Pigmente in Gläsern, Erzählrunden zwischen Stufen. Hier werden Symbole ausprobiert, verworfen, verbessert. Nicht Perfektion zählt, sondern Resonanz und Zugänglichkeit. Wenn Menschen ihre Spuren lassen dürfen, wächst das Gemeinsame robust. Und wenn jemand später mit Kind oder Freund zurückkehrt, zeigt ein Fingerzeig: Hier habe ich gemalt, hier habe ich zugehört, hier gehöre ich mit dazu.
Niedrige Hocker, Thermoskannen, Kartenstapel mit Fragen: So werden Stufen zu Erzählcafés. Erinnerungen an Umzüge, an erste Wörter in neuer Sprache, an verlorene Orte und frisch gewachsene Routinen fließen in Motive ein. Geschichten verwandeln sich in Linien, Linien in gemeinsames Verstehen. Diese Nähe schützt vor klischeehaften Darstellungen, weil Gesichter, Stimmen und Pausen hörbar bleiben. Aus Formen werden Bezüge, aus Bezügen Verantwortung für das, was gezeigt wird.
Nach dem Malen beginnt die Fürsorge: Versiegeln, ausbessern, Müll einsammeln, den Ort freundlich erklären. Eine kleine Tafel kann Hintergründe vermitteln, ohne aufzudrängen. Reparaturen sind kein Makel, sondern sichtbarer Beweis, dass das Bild lebt. Wer flickt, beteiligt sich. Wer dokumentiert, teilt. So entsteht eine Kultur des Weitertragens, in der Erzählungen nicht verfransen, sondern mit neuen Jahreszeiten, neuen Schritten und neuen Nachbarinnen behutsam fortgeschrieben werden.
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